Die 70er

Die 70er im Kleinen Spiel — eine Krisendekade. Nach “Mann ist Mann” (Premiere 1968) sollte es fast 14 Jahre dauern, bis wieder ein vollständiges, abendfüllendes Stück Premiere feiern können würde. Es mangelt zwar nicht an Ideen, zu Orwells “Farm der Tiere” und Jarrys “Roi Ubu” entstehen sogar ein Teil der nötigen Figuren und Kulissen, die es aber nie auf die Bühne schaffen.

Wichtige Stationen:

1970

Herbst Harry Täschner wird alleiniger Leiter des Kleinen Spiels.

1971

11.05. Der Stadtrat der Landeshauptstadt München/OB Hans-Jochen Vogel verleiht dem Kleinen Spiel den Förderungspreis für Interpretierende Kunst 1971, der mit 3000 DM dotiert ist.
„Das literarische Marionettenspiel für Erwachsene fand seit 25 Jahren in München seinen konsequentesten Repräsentanten im Studenten-Marionettenstudio ‚Kleines Spiel‘ […]. Die Bühne leistete […] einen Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters wie des literarischen Puppenspiels. Auf dem Wege hierzu hat ‚Kleines Spiel‘ Stilelemente für das Figurentheater entwickelt, die von richtunggebender Bedeutung und deshalb weit über München hinaus bekannt und anerkannt wurden. […] Das Wirken des ‚Kleinen Spiel‘ ist ein Begriff im Münchner kulturellen Leben geworden; ihm sollen mit der Verleihung des Förderungspreises für Interpretierende Kunst Bestätigung und Anerkennung sowie neue Impulse gegeben werden.“

13.09. In einem Rundbrief zur Krise des Kleinen Spiels schreibt Ernst Hofmeister, die endlosen Diskussionen müssen aufhören, ein neues Stück müsse her, die junge Generation führe einen überflüssigen Emanzipationskampf gegen die alte.
„Gute Einfälle sind nur dann gut, wenn sie in endlicher Zeit zur Ausführung kommen. Wenn im nächsten Halbjahr kein neuer Abend entsteht, gleich welcher Art, glaube ich, ist das ‚Kleine Spiel‘ erledigt.“

Herbst Konradin Zeller wird Leiter des Kleinen Spiels

1972

22.02. Galaabend zum 25-jährigen Bestehen des Kleinen Spiels um 20 Uhr 30 mit „Maipu“. Ludwig Krafft hält eine Festrede zur Geschichte des Theaters.

26.10. In einem Protokoll wird festgestellt, die Auseinandersetzung Alt-Jung und Jung-Jung beruhige sich; zum ersten Mal seit langer Zeit stellte keiner einen Antrag zur Auflösung des Kleinen Spiels. Aber es krankt weiterhin daran, dass Ideen für neue Stücke zwar durchaus vorhanden sind, auch Puppen und Kulissen entstehen, aber nichts tatsächlich den Weg auf die Bühne findet. Dennoch: „Eine ganz kurze Vorführung eines Pferdes vom Team um die Animal Farm ließ berechtigte Hoffnungen keimen.“

1973

08.02. Jochen Weill wird Leiter des Kleinen Spiels.

1974

Beginn der Renovierungsarbeiten „in Raten“ (bis 1976); u.a. der Licht- und Tonanlage.

1975

01.01. Christian und Antje Voss leiten das Kleine Spiel gemeinsam.

27.11. Antje Voss wird alleinige Leiterin des Kleinen Spiels.

1976

05.01. In einem Rundbrief stellt Konradin Zeller die „langsamer werdenden Pulsschläge des Kleinen Spiels“ fest.

29.01. Hanno Suttmann wird Leiter des Kleinen Spiels.

21.03. In einem Rundbrief beschwert sich Hermann Bauer über das Kleine Spiel, ein „verrotteter Haufen“ :
„Wenigstens einige Stunden Dreckarbeit sollte man machen. […] Starallüren nützen uns nichts (sollten sie auch noch so unbegründet sein). Diese Verhaltensweisen sind mit schuld am eventuellen Erstickungstod des Kleinen Spiels. […] Wir sind eben Sklaven der toten Substanz (Materienetten), die bearbeitet werden will. [..] Mit […] Mieß-Aufführungen auf Mülleimerbasis blamieren wir uns […].“

20.04. In einem Rundbrief stellt Hanno Suttmann fest:
„Während sich draußen der Frühling mit Macht rührt, verharrt das Kleine Spiel reglos in seinem dumpfen Kellerloch; wie eine trockene Tulpenzwiebel, bei der nicht zu sehen ist, ob sie sich noch einmal rappelt, oder ob sie für immer vertrocknet ist. Zwar tut sich was, aber es müssen noch viele Schalen abgeworfen werden, ehe ein Durchbruch abzusehen ist. […] Eines ist klar, angesichts des wackelnden Heizkörpers, der nur noch an seiner Gasleitung hängt und der uns jeden Tag um die Ohren fliegen kann, angesichts der abenteuerlichen Lampen und Kabel, die die Werkstatt zum elektrischen Gruselkabinett machen, ist Abhilfe von grundlegender Art nötig. Es geht nicht, die Mißstände immer wieder nur provisorisch zu beheben und so zu verschleiern, denn dann kommt es über kurz oder lang zu einem totalen Zusammenbruch. Leider ist dieser technische Schafscheiß nur ein untergeordnetes Problem (oder sollte es sein); eigentlich sind wir ja kein Handwerksbetrieb, sondern ein ‚künstlerisches Unternehmen‘. Aber gerade hier beginnt das grundlegende Mißverständnis! Auch ein im ganzen so harmloser Verein wie das K.S. ist mit harter Arbeit verbunden und nicht nur mit Intuition und höherer Eingebung zu bewerkstelligen. […] Was die meisten jedoch betreiben, ist nicht mehr als Image-Pflege. Der zarte Touch des Künstlerischen, das leichte ‚von Ast zu Ast‘, ist so unwiderstehlich. Leute, die nicht wissen, auf welcher Seite man einen Hammer anfaßt, begreifen nur schwer, daß eine Aufführung nicht nur vom künstlerischen Flair lebt, sondern auch einen technischen Background hat, der auf Dauerbelastung ausgelegt sein muß. […] Ich glaube, wer nicht einen Teil seines Potentials dem K.S. zur freien Verfügung stellt, sollte sich seine Mitwirkung echt überlegen. Kluge Sprüche werden überall genug geklopft; wir sind kein Debatierclub und keine Talkshow. Auf der alldonnerstäglichen Besprechung wird genug Onanie betrieben – was bekanntlich auch Spaß macht – aber ohne den K.S.ern diese Freude nehmen zu wollen, mit der Donnerstagsdebatte ist in der Regel genug getan. Im Übrigen kommt es auf Taten an! […] Das Kleine Spiel segelt am Abgrund, darüber darf auch eine notdürftig zusammengestoppelte Aufführung nicht hinwegtäuschen! […] Dabeisein ist nicht alles!“

1977

07.02. Das Kleine Spiel feiert seinen 30. Geburtstag. Den ganzen Februar hindurch spielt man donnerstags ein Jubiläumsprogramm mit Szenen aus „Eugen“, „La Ramée“, „Aucassin und Nicolette“, „Nap“, „Ikarus“, „Mann ist Mann“ und einer Szene aus „Ubu Roi“ als Vorgeschmack auf die (leider nie stattfindende) nächste Premiere. Ernst Hofmeister hat eine Festschrift zum Geburtstag verfasst.

10.11. Albert Maly-Motta wird Leiter des Kleinen Spiels.

24.11. Das „Kleine Zwischenspiel“ (in der Hauptsache von Albert Maly-Motta und Peter Cornelius) hat Premiere.

1978

26.10. Heide Dahme und Gerhard Meyer leiten das Kleine Spiel gemeinsam.

02.11. Das „Kleine Zwischenspiel“ hat in einer Überarbeitung Premiere.

1979

Mai Ein neuer Spendenzylinder wird angeschafft.

Herbst Heide Dahme wird alleinige Leiterin des Kleinen Spiels.